Donnerstag, 22. März 2012

Der Weihnachtsengel

Es war einmal... nein, so fangen alle Märchen an.
Es gibt da.... nein, auch nicht. Also, ich kenne da... ach, ich weiß nicht, wie ich anfangen soll. Vielleicht am besten am Anfang, oder? Gut.
Ich habe ein Mädchen kennengelernt. Blond, blauäugig, mit Sommersprossen. Ihr Name? Ich weiß ihn nicht mehr. Es ist auch so, dass ich dieses Mädchen eigentlich schon fast vergessen habe – obwohl es mein Leben verändert hat. Deshalb muss ich diese Geschichte schreiben, bevor ich mich endgültig nicht mehr daran erinnern kann.
Ich stand gerade in der Schlange an der Supermarktkasse, als hinter mir ein Tumult entstand.
„Hey! Was soll das?“ rief eine tiefe Stimme. „Vordrängeln geht hier nicht.“
Ich drehte mich um. Die tiefe Stimme kam von einem dicken, unrasierten Mann, der zwei Leute hinter mir in der Reihe stand.
Eine helle, klare Stimme gab ihm Antwort: „Aber ich hab doch nichts. Ich möchte einfach nur hier durch.“
Der dicke Mann grummelte irgendetwas in seinen Drei-Tage-Bart, machte aber Platz. Ich konnte die Person, die zu der hellen Stimme gehört, nicht sehen. Noch war sie von dem Dicken verdeckt.
„Ich kann auch warten, wenn Ihnen das lieber ist“, hörte ich dann die patzige Antwort.
Ich kicherte leise. Mutig, dachte ich. Der Dicke wird sich das aber nicht gefallen lassen.
Doch wider Erwarten sagte er nichts. Sein Mund stand nur offen, wahrscheinlich war er einfach nur überrumpelt ob der Erwiderung der Glockenstimme.
Ich drehte mich um, weil ich nun an der Reihe mit Bezahlen war.
„24,80 Euro“, sagte die Kassiererin gelangweilt.
Ich gab ihr 25 Euro und wartete darauf, dass sie mir das Wechselgeld gab. Kurz sah ich mich nochmals zu dem Dicken um, doch der wühlte gerade in den Süßigkeiten an der Kasse herum. Ein Mädchen, zu dem die helle Stimme passte, sah ich jedoch nicht.
Ich zuckte die Schultern, nahm meine Einkäufe und verließ den Supermarkt.
Auf dem Supermarktparkplatz war die Hölle los. Es war kurz vor Weihnachten und die meisten waren im totalen Stress. Geschenke mussten gekauft werden, das Essen musste vorbereitet werden. Weihnachtsbäume, Dekomaterial, Lichterketten.
Ich konnte nicht verstehen, warum so viele Menschen durchdrehten, je näher es auf Weihnachten zuging. Ich konnte auch nicht verstehen, warum Weihnachten für viele so wichtig ist. Ist doch auch nur ein Tag, wie jeder andere.
Ein weiteres Wortgefecht ließ mich aufhorchen. Zwei Autos standen schief auf dem Parkplatz. Ein Unfall, dachte ich, und wollte schon weitergehen.
„Da war ein Mädchen, deshalb hab ich gebremst“, sagte eine Frau mit rabenschwarzen Haaren. Gefärbt, kam es mir in den Sinn. So schwarze Haare gibt es nicht.
„Ich hab kein Mädchen gesehen“, sagte die zweite Person, ein Mann, der wahrscheinlich das hintere Auto gefahren hat. „Sie haben wegen nichts gebremst.“
„Doch, ein blondes Mädchen. Es ist einfach über die Straße gerannt. Ohne zu schauen.“ Völlig aufgelöst lehnte sich die Schwarzhaarige an ihre kaputte Stoßstange. „Ich konnte noch hören, wie sie etwas mit glockenheller Stimme rief.“
Glockenhelle Stimme? War das das gleiche Mädchen wie an der Supermarktkasse?
Ich ging weiter, sah aber noch, wie der Mann sein Handy zückte, wahrscheinlich um die Polizei zu rufen.
Das Mädchen bringt heut wohl nur Unglück, vertiefte ich mich wieder in meine Gedanken und wäre fast an meinem Auto vorbeigelaufen. Ich verstaute meine Tiefkühlpizza, die Schokolade und die Fertiggerichte im Kofferraum meiner Rostlaube, stieg hinters Steuer und rangierte aus der Parklücke heraus.
Als ich in den Rückspiegel blickte, sah ich das blonde Mädchen. Sehr nah an meiner Stoßstange. Ich bremste scharf und blickte wieder in den Spiegel. Kein Mädchen mehr.
Wenn die so weitermacht, wird sie heute noch überfahren. Ich drehte mich um, konnte aber niemanden sehen. Ein Blick in den Rück- und in die Seitenspiegel zeigte mir auch, dass der Weg frei war. Ich fuhr aus der Lücke heraus, umfuhr vorsichtig die Unfallstelle, wo die Schwarzhaarige und der Mann immer noch miteinander stritten und verließ den Parkplatz.
Ich seufzte. Endlich nach Hause.
Ich hatte Glück. Vor meiner Wohnung war ein Parkplatz frei. Nach dem Parken nahm ich meine Einkäufe aus dem Kofferraum und schloss das Auto ab. Als ich mich umdrehte, um zur Eingangstür des Hochhauses zu gehen, sah ich aus den Augenwinkeln ein blondes Mädchen, dass gerade um die Straßenecke ging.
Hat das Mädchen ein weißes Nachthemd an? Und war es barfuß? Ich schaute ungläubig die Straße entlang. Ich wollte schon hinterher gehen, als ich mich mit dem Gedanken beruhigt, dass ich wohl eine Sinnestäuschung hatte.
Ein Nachthemd? Und ohne Schuhe? Doch nicht bei diesen Temperaturen. Ich wickelte mich in meinen Mantel, schloss die Eingangstür auf und lief zum Aufzug.
Bei meinem Glück funktioniert er wieder nicht, dachte ich und drückte auf den Knopf. Keine Reaktion. Dann sah ich das Schild, dass auf dem Boden lag. „Außer Betrieb“ stand darauf.
Ich atmete tief durch. „Natürlich“, sagte ich laut. „Immer dann wenn ich etwas für die Gefriertruhe gekauft hab. Bis ich oben bin, ist alles aufgetaut.“ Innerlich bereitete ich mich auf den Aufstieg vor. Sieben Stockwerke á 24 Stufen. Ich schulterte die Einkaufstüte und setzte meinen Fuß auf die erste Stufe, als die Tür zur Eingangshalle aufging.
Oh nein, dachte ich, nicht die Quasselstrippe aus dem dritten Stock. Ich stieg die ersten zwei Stufen hoch, als mich schon die quengelige Stimme ansprach.
„Hallo. Sie sind doch die Mieterin aus dem 7. Stock?“
Ich drehte mich um, lächelte die Frau kurz an und nickte. Wieder stieg ich eine Stufe weiter.
„Ach, der Aufzug geht schon wieder nicht. Und heute hab ich gerade Getränke gekauft. Ich werde sie wohl einzeln hochtragen müssen.“
Ich stieg eine weitere Stufe nach oben, aber schon hatte mich mein schlechtes Gewissen gepackt. Genau das, was diese Quasselstrippe wollte, dachte ich mir wieder.
„Kann ich helfen?“ hörte ich dann auch schon aus meinem Mund.
„Oh, das ist nett.“ Und gleich hatte sie mir eine Einkaufstüte in die Hand gedrückt. Das Gewicht zog mich erstmal die vier Stufen wieder herunter, die ich schon mühsam erklommen hatte.
Ich fasst die Tüte fester und stiefelte die Stufen wieder nach oben. Die ersten 12 waren geschafft, während hinter mir die Quasselstrippe wie ein D-Zug schnaufte und – natürlich – quasselte.
„Weihnachten ist so eine schöne Zeit. Da kommt immer die ganze Familie zusammen. Ich koch jedes Jahr. Sie sind ja erst seit vier Monaten hier. Da haben sie das noch nicht mitbekommen. Morgen back ich Plätzchen. Ich werde Ihnen dann auch welche bringen.“
„Das ist nett“, murmelte ich, war aber nicht so begeistert. Wenn sie es vorbeibringt, will sie bestimmt noch mehr reden.
Ich lief um die Ecke, um die nächsten 12 Stufen ins nächste Stockwerk in Angriff zu nehmen, als ich wieder die Tür hörte. Mein Blick fiel auf die Eingangstür, doch ich konnte niemanden sehen. Allerdings bildete ich mir ein, blondes Haar wehen zu sehen...
Im dritten Stock angekommen, hatte mir die Frau schon ihr ganzes Leben erzählt. Außer ein paar „Vielleicht“ oder „Wirklich?“ hatte sie von mir allerdings nicht viel gehört. Einzig auf ihre Fangfrage bin ich hereingefallen. Sie frage mich, ob ich ein oder zwei Portionen Kekse haben wollte. Als ich „Eine Portion“ antwortete, fiel mir auf, dass sie damit gleichzeitig gefragt hatte, ob ich einen Freund hätte.
Ich biss mir auf die Lippen, weil ich eigentlich nichts über mich erzählen wollte. Die nächste Frage beantwortete ich aber, weil sie mir nicht verfänglich vorkam.
„Wo arbeiten sie denn?“
„Ich bin Journalistin“, sagte ich und stellte ihre Einkaufstüte vor ihrer Wohnungstür ab. Schneider konnte ich auf dem Namensschild neben der Klingel lesen. Ein gewöhnlicher Name, eine gewöhnliche Familie. Ein gewöhnliches Weihnachten.

Frau Schneider bedankte sich bei mir, versprach mir nochmals die Plätzchen und öffnete die Tür. Ich hörte Kinderstimmen, die durcheinander riefen. Ein Fernseher war auf volle Lautstärke gestellt und ein kleiner Hund kam schwanzwedelnd an die Tür gelaufen.
Die Haare, kam es mir in den Sinn. Überall Hundehaare.
Ich machte mich an den weiteren Aufstieg, als mich Frau Schneider nochmals ansprach.
„Haben Sie am Sonntag schon etwas geplant?“
Ich drehte mich überrascht zu ihr um.
„Nein“, sagte ich zögernd.
„Möchten Sie zu uns zum Essen kommen?“
Nein, wollte ich sagen. Doch als ich ihren Blick sah, der Wärme und Vertrauen ausstrahlte, sagte ich: „Ich... na ja, also. Ok.“
„Gut, so gegen 18 Uhr.“ Frau Schneider drehte sich um, als zwei kleine Mädchen auf sie zu gerannt kamen.
„Hallo, meine Süßen. Ist Euer Vater auch da?“ Und dann verschwand sie in der Wohnung. Die Tür schlug hinter ihr zu.
Ich stand allein in dem kalten Flur und wandte mich wieder den Treppen zu. Noch vier Stockwerke, sagte ich mir. Gutes Training für die Beinmuskulatur.
Im siebten Stockwerk angekommen, mobilisierte ich meine letzten Kräfte und schleppte mich auf die letzte Tür ganz hinten im Flur zu. Meine.
Eigentlich freute ich mich immer, wenn ich nach Hause kam. Meine erste eigene Wohnung, fort von zu Hause. Doch heute kam mir die Tür irgendwie kälter als gewöhnlich vor.
Ich dachte an Frau Schneider’s Wohnungstür. Sie hatte warm und freundlich gewirkt. Meine sah frostig und abweisend aus. Allein schon, weil neben meiner Klingel kein Namensschild prangte.
Der siebte Stock. Ich war erst froh gewesen, dass ich so weit oben eine Wohnung bekommen hatte. Vor allem, weil sie eine tolle Dachterrasse hatte. Aber als der Fahrstuhl das erste Mal ausfiel (eine Woche nach meinem Einzug) hatte ich sie schon verflucht. Mittlerweile war der Fahrstuhl schon öfters kaputt gewesen. Und der Vermieter dachte nicht daran, den Aufzug schnellstmöglich reparieren zu lassen.
Ich nahm mir vor, gleich ein Namensschild anzubringen und öffnete meine Tür. Ein kalter Hauch schlug mir entgegen. Oder hatte ich nur das Gefühl?
Ich wollte gerade die Wohnung betreten, als ich ein Klingeln hörte. Der Aufzug, seufzte ich. Funktioniert er doch? Ich sah in Richtung des Fahrstuhls als sich die Türen öffneten, doch es trat keiner heraus.
Komisch, dachte ich. Zuckte aber mit den Schultern und ging in meine Wohnung.
Ich drehte gleich die Heizung höher. Das Thermometer zeigte zwar 22 Grad an, doch irgendwie fröstelte es mich.
Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Du hier allein bist. Eine Katze, fuhr es mir durch den Kopf. Die würde mich jeden Tag begrüßen und froh sein, wenn sie mit mir kuscheln kann. Die Haare, schoß es mir dann aber wieder durch den Kopf. Überall Katzenhaare.
Nein, es musste etwas anders sein. Ein Vogel? Zu viele Federn. Ein Fisch? Zu still. Eine Schlange? Nachtaktiv.
Das mit dem Tier musste ich mir noch mal durch den Kopf gehen lassen.
Ich verstaute die Einkäufe im Gefrierfach und in den Schränken und machte mir eine heiße Schokolade. Sie würde die Kälte auch in meinem Inneren vertreiben.
Mir ging das blonde Mädchen durch den Kopf. Sowohl das im Supermarkt, als auch das auf der Straße unten vor meinem Wohnblock.
Und je mehr ich darüber nachdachte, umso sicherer war ich, dass es sich um das gleiche Mädchen handelte. Hatte der Blondschopf auf der Parkplatz nicht auch ein weißes Nachthemd angehabt?
Ich schüttelte den Kopf. Das kann nicht sein. Und die blonden Haare unten in der Eingangshalle? Einbildung. Ich tat diesen Gedanken mit einer Handbewegung ab, stellte den Fernseher an und ließ mich von sinnloser Weihnachtswerbung und einem sehr schlechten Schwarz-Weiß-Film ins Land der Träume begleiten.
Die Nacht war unruhig. Irgendwann hatte ich mich in mein Bett verzogen, doch richtig schlafen konnte ich nicht. Immer wieder träumte ich von diesem blonden Mädchen. Ständig sah ich auf die Uhr. Ich konnte nie länger als ein paar Minuten die Augen zugemacht haben. Um 3.07 Uhr gab ich es deshalb auf, weiter auf den Schlaf zu pochen. Ich stand auf, ging in die Küche und trank ein Glas Wasser.
Ich trat ans Wohnzimmerfenster und schaute auf die beleuchtete Stadt hinunter. Der Ausblick war traumhaft. Kein Wunder, ich bezahl ja auch einiges für die Wohnung. Aber ich kann es mir ja auch leisten. Der Job ist gut bezahlt.
Ich blickt nochmals auf die Stadt hinaus. Ein Lichtermeer. Beleuchtete Fenster. Weihnachten ist nicht mehr weit.
Ich hatte keinen Weihnachtsbaum. Ich brauchte keinen. Weihnachten würde ich eh nicht feiern. Mit wem denn auch.
Meine Eltern waren früh gestorben. Im Waisenhaus wurde Weihnachten nur spärlich gefeiert, weil kein Geld vorhanden war und meine Adoptiveltern haben ihr ganzes Geld eher für Alkohol ausgegeben, als an Weihnachten Plätzchen zu backen oder das Haus feierlich zu schmücken.
Richtig erinnern konnte ich mich an Weihnachten nur daran, dass meine Pflegeeltern eine Flasche Schnaps mehr geleert haben.
Ich war in meine Gedanken vertieft, als mich ein leises Klopfen wieder in die Realität zurück brachte.
Wer hämmert denn da mitten in der Nacht? Dann fiel mir auf, dass das Klopfen nicht von einem Hammer, sondern von einer Faust kam. Leise und sacht schlug diese gegen meine Wohnungstür.
An meiner? Ich ging zur Haustür und spähte durch den Spion. Doch ich prallte zurück. Das kann doch nicht sein.
Das blonde Mädchen. Es stand vor meiner Tür. Und obwohl ich immer nur einen flüchtigen Blick auf sie werden konnte, war ich mir ganz sicher, dass sie es war. Aber was will sie von mir? Braucht sie mich als Zeuge für den Unfall. Ich hab doch gar nichts gesehen.
Es klopfte erneut. Ich ging zur Tür, drückte den Griff nach unten und öffnete.
Doch da stand niemand. Ich trat in den Flur und blickt ihn entlang in Richtung des Aufzugs. Ich hörte noch wie die Türen sich schlossen.
Ein Streich? Ja, genau. Ein Streich. Kinder waren unterwegs, klopften an Türen und verschwanden dann. Und dies war zufällig ein blondes Kind gewesen und nur weil ich von dem blonden Mädchen geträumt habe, dachte ich, dass es die gleichen Personen wären.
Genau das war die realistischste Lösung.
Zurück in meiner Wohnung, zog ich meinen Mantel an und ging auf meine Dachterrasse. Am Geländer angekommen, blickte in nach unten auf die Straße. Und dort stand das Mädchen und sah zu mir hinauf.
Am nächsten Morgen erwachte ich gerädert. Nachdem ich wieder ins Bett gegangen war, war ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf gefallen. Doch ich merkte, dass ich die erste Hälfte der Nacht nicht geschlafen hatte. Als ich das Mädchen unten auf der Straße sah, war ich fast panisch zurückgewichen. Ein weiterer Blick auf die Straße hatte mir gezeigt, dass ich mich geirrt hatte. Dort stand niemand und ich sah auch keinen wegrennen. Es war Einbildung gewesen, zurückzuführen auf die Müdigkeit.
Ich stand auf, machte mir einen Kaffee und öffnete die Wohnungstür. Die Zeitung lag davor, als ich mich bückte, merkte ich Fußabdrücke auf dem Flurboden. Ich konnte die einzelnen Zehen sehen, als wäre jemand ohne Schuhe den Flur entlanggegangen.
Was war nur mit mir los? Musste ich jetzt in alles, was ich sah, dieses blonde Mädchen hineininterpretieren? Warum spielte mein Gehirn dieses Spiel mit mir?
Ich nahm die Zeitung, schloss die Tür und seufzte. Da konnte wer weiß wer barfuß langgelaufen sein. Schließlich wohnten mehr als 40 Parteien in diesem Hochhaus.

Am Küchentisch schlug ich die Zeitung auf. Doch richtig konzentrieren konnte ich mich nicht. Immer wieder musste ich an dieses Mädchen denken.
Als ich vom Balkon geschaut hatte, konnte ich sie so deutlich sehen, als stünde sie direkt vor mir. Sie hatte blaue Augen. Groß und freundlich. Und Sommersprossen. Das ganze Gesicht war davon bedeckt. Sie war zierlich und hatte feine Gesichtszüge. Sie sah aus wie ein, ja, wie ein Engel mit Sommersprossen.
Es gibt keine Engel, fuhr ich mich selbst an. Was denkst Du Dir eigentlich?
Ich machte das Radio an.
„...kam es gestern auf dem Parkplatz eines Supermarktes zu einer Rangelei zwischen zwei Unfallparteien. Eine Frau hatte plötzlich gebremst, weil sie dachte, dass ein Mädchen vor ihrem Wagen vorbeilaufen würde. Das hinter ihr fahrende Fahrzeug, gesteuert von einem Mann, fuhr auf das Fahrzeug der Frau auf. Der Mann hatte jedoch kein Kind gesehen. Nach mehreren Beteuerungen der Frau, dass ein Mädchen ihren Fahrweg gekreuzt habe, konnte der Mann sich nicht mehr beherrschen und trat gegen das Auto der Frau. Dies führte dazu, dass die Frau den Mann mit ihrer Handtasche angriff und die Tasche wiederholt auf seinen Kopf schlug. Erst vorbeilaufende Passanten konnten die beiden Streithähne voneinander trennen. Die Polizei hat den Unfall aufgenommen. Ein Mädchen war allerdings nicht mehr in der Nähe und auch Unfallzeugen konnten kein Mädchen beschreiben, dass zum Unfallzeitpunkt in der Nähe gewesen war. Halloween ist doch schon vorbei, liebe Leute, warum laufen dann noch Gespenster herum?“
Der Radiomoderator lachte laut auf und schon ertönte das Weihnachtslied schlechthin im Radio.
„Last Christmas“ von Wham!Ich schaltete das Radio wieder aus. Erstens wegen des Liedes, zweitens wegen der Meldung. Der Moderator hatte das Mädchen als Gespenst beschrieben.
Ein Geist? Deshalb spukte es in meinen Gedanken herum.
Es war Samstag. Ich frühstückte eine Schale mit Müsli, duschte ausgiebig und überlegte dann, was ich mit meinem Wochenende denn so anfangen könnte.
Erst mal dieses Mädchen vergessen. Das waren alles nur Zufälle. Und mich dann auf dieses Essen morgen abend bei Familie Schneider vorbereiten.
Sollte ich etwas mitbringen? Eine Flasche Wein, einen Blumenstrauß. Ich war noch nie zu einem Essen eingeladen worden, schon gar nicht bei jemandem zu Hause.
Ich beschloss eine Flasche Wein mitzubringen, hatte aber keine zu Hause. Also musste ich nochmals los, um eine zu besorgen.
Dann könnte ich auch gleich mal durch die Stadt bummeln und mir ein paar Schuhe gönnen, dachte ich, schnappte meine Tasche und verließ meine Wohnung. Ich lief zum Aufzug, drückte auf den Knopf und wartete. Aber es tat sich nichts. Kein Aufzug, kein Klingeln.
Aber gestern und heute Nacht funktionierte er doch wieder.
Also wieder die Treppen.
Als ich auf der Straße stand, merkte ich erst, wie schön das Wetter war. Ich beschloss spontan, in die Fußgängerzone zu laufen. Die Flasche Wein und die Schuhe würde ich auch so tragen können.
Es war ein Fehler an einem Samstag vor Weihnachten in die Fußgängerzone zu gehen, um zu bummeln. Das fiel mir aber erst auf, als ich dort angekommen war. Tausende Menschen drängelten sich in den Geschäften, um Geschenke zu kaufen. Noch zwei Wochen, dann gibt es nichts mehr, dachte ich spöttisch.
Ich musste keine Geschenke kaufen. Ich hatte niemanden, dem ich etwas schenken konnte. Und mir selbst wollte ich ja ein paar neue Schuhe schenken.
Aber wollte ich das wirklich heute?
Ich beschloss, keine Schuhe zu kaufen. Nur den Wein. Und dann schnell wieder nach Hause, die Tür fest zumachen und am besten einen DVD-Tag einlegen.
Allerdings hatten heute noch mehrere die Idee, Wein zu kaufen. Der Spirituosen-Laden war voll bis in die letzte Ecke.
Aber einen Supermarkt-Wein wollte ich nicht gerade zu dem Essen mitbringen. Ob ich noch absagen könnte? Ein vergessener Termin? Aber dann müsste ich schauen, dass ich wirklich das Gebäude verlasse. Eine vorgetäuschte Grippe? Das müsste gehen.
„Sie ist ohnmächtig“, vernahm ich eine Stimme hinter mir. Erst jetzt bemerkte ich, dass der Laden eigentlich nicht voll war, sondern einfach nur viele Menschen davor standen, um reinzuschauen.
„Ruft doch einen Krankenwagen!“ kreischte eine hysterische Stimme.
Darauf kam die Antwort: „Der ist schon unterwegs.“
Jetzt war ich auch neugierig, schaute durch eine Lücke zwischen den vielen Leibern, die sich vor dem Schaufenster drängten und konnte im Inneren des Laden eine Gestalt auf dem Boden liegend entdecken. Eine blonde Gestalt. Ein blondes Mädchen.
Mir entfuhr ein kleiner Schrei.
„Kennen Sie das Mädchen?“ fragte mich mein Nachbar und schob gleich einige Leute zur Seite.
„Diese Frau kennt das Mädchen. Lassen Sie sie durch.“ Der Mann zog mich hinter sich her, ich konnte mich kaum wehren. Ein paar Sekunden später stand ich im Laden neben dem Mädchen, dass immer noch mit geschlossenen Augen auf dem Boden lag.
„Kennen Sie das Mädchen?“ fragte mich eine Frau, wahrscheinlich die Ladenbesitzerin. Sie ließ mich jedoch nicht zur Antwort kommen. „Sie kam ganz aufgeregt in den Laden und meinte, dass sie ihre große Schwester verloren hätte. Sie müsste dringend telefonieren. Ich drehte mich um, um das Telefon zu holen. Als ich mich ihr wieder zuwandte, lag sie bewusstlos auf dem Boden. Der Krankenwagen ist schon unterwegs.“
Ich ließ mich auf meine Knie nieder. Das Mädchen lag mit leicht geöffnetem Mund und fest geschlossenen Augen auf dem Boden und rührte sich nicht. Das blonde Haar lag um ihren Kopf ausgebreitet, als hätte man es drapiert. Die Sommersprossen leuchteten in ihrem blassen Gesicht, das aussah, als wäre es aus Stein gemeißelt worden.
Wunderschön, ging es mir durch den Kopf. Das Mädchen sieht wirklich aus, wie ein Engel mit Sommersprossen.
Meine Hand hob sich, um ihr über die Wange zu streicheln, doch kurz bevor ich sie berühren konnte, öffnete das Mädchen die Augen. Sie lächelte und entblößte strahlend weiße, ebenmäßige Zähne.
„Da bist Du ja“, sagte sie mit ihrer glockenhellen Stimme und richtete sich auf.
„Langsam, sonst kippst Du wieder um“, entgegnete ich, nahm ihre Hand und half ihr auf die Beine.
Sie lehnte sich kurz an mich, was mir ein Gefühl des Friedens und der inneren Ruhe gab.
„Wir gehen jetzt nach Hause“, sagte sie mit einer Bestimmtheit, die keinen Gegenspruch duldete.
Die Menschenmenge vor dem Laden löste sich auf, die Ladenbesitzerin ging hinter ihre Theke und keiner gab auch nur ein Gegenwort.
„Kaufst Du noch den Wein für morgen? Sonst sind wir ja umsonst in die Stadt gelaufen.“
Woher wusste sie, dass ich Wein brauche? Doch so schnell wie der Gedanke da war, war er auch schon wieder weg.
Ich nahm irgendeine Flasche Wein aus dem Regal, bezahlte ohne zu wissen, wie viel und verließ zusammen mit dem Mädchen den Laden.
„Gehen wir nach Hause?“ fragte sie mich unschuldig, als ob wir dies jeden Tag machen würden.
„Ja“, antwortete ich, „wir gehen nach Hause.“
Sie nahm meine Hand in ihre. Warm und weich fühlte sie sich an. Die ganze Strecke bis zum Hochhaus liefen wir so. Wir redeten nicht. Sahen uns nicht an.
Ich schloss die Eingangstür auf und wandte mich direkt den Treppen zu.
„Warum fahren wir nicht mit dem Aufzug?“
„Er ist kaputt“, beantwortete ich ihre Frage.
„Wir versuchen es.“ Sie zog mich zum Fahrstuhl, drückte den Knopf und wir warteten kurz. Ein Klingeln kündigte den Aufzug an, die Türen gingen auf und schon standen wir darin. Mit einer Selbstverständlichkeit drückte sie den Knopf mit der Nummer 7 und ehe ich mich versah, standen wir auch schon vor meiner Wohnungstür.

Ich beobachtete sie, während ich die Milch für eine heiße Schokolade warmmachte. Sie stand vor meinem DVD-Regal, zog mal hier, mal dort eine DVD heraus, las sich den Inhalt durch und stellte sie dann wieder zurück.
Langsam konnte ich wieder klar denken. Der Nebel, der sich seit dem Vorfall in dem Spirituosen-Laden in meinem Gehirn gebildet hatte, löste sich langsam auf.
Mit den beiden Tassen in der Hand ging ich zu ihr ins Wohnzimmer. Das Mädchen hatte sich in meinen Lieblingssessel gekuschelt und nahm mir eine Tasse ab.
„Hmm“, machte sie, als sie vorsichtig an der Schokolade nippte. „Lecker.“
Ich setzte mich ihr gegenüber auf das Sofa und zog ebenfalls meine Beine zu mir heran.
Dann nahm ich all meinen Mut zusammen. Warum ich Mut brauchte, wusste ich selbst nicht.
„Wer bist Du?“ Die Frage klang lächerlich in meinen Ohren. Das Mädchen durfte höchstens 12 Jahre alt sein und in der Stadt strahlte sie etwas aus, dass viel älter und weiser war. Doch gerade jetzt, gekuschelt in den Sessel, wirkte sie zerbrechlich und hilfsbedürftig.
„Ich bin Deine Schwester“, antwortete sie mir.
Mein Blick sprach Bände: „Meine Schwester?“ entgegnete ich erstaunt. „Ich habe keine Schwester.“
Sie lachte. Ihr Lachen klang, als ob hunderte feine Glöckchen gleichzeitig leise bimmelten.
„Natürlich. Ich bin jedermanns Schwester.“ Sie blickte mich an, stellte ihre Tasse auf den Couchtisch und stand auf. Ihr Blick glitt zu Fenster und sie machte eine ausladende Geste.
„Ich bin Deine Schwester, die Schwester Deines Nachbarn, ja die Schwester der ganzen Welt. Ich beschütze Dich und all die anderen da draußen, die Hilfe brauchen, weil sie vom rechten Weg abgekommen sind.“
„Äh, warte mal“, sagte ich und fing langsam an zu glauben, dass die Kleine einfach nur nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte. „Ich bin nicht vom rechten Weg abgekommen. Im Gegenteil, ich bin so rechtschaffen wie möglich. Ich könnte niemals was klauen oder jemandem etwas antun...“
Sie unterbrach mich, in dem sie ihre Finger auf ihre Lippen legte.
„Schhhhh“, machte sie. „Nein, nicht so. Ich beschütze die, die vom rechten Weg abgekommen sind. So wie Du.“
Sie breitete die Arme aus. „Lass uns von vorne anfangen.“
Von vorne anfangen? Aber...
„Du solltest nicht zu viel denken.“
Wie bitte, dachte ich.
„Äh, wie bitte?“, sagte ich.
„Du denkst zu viel. Sprich es laut aus. Sag Deine Meinung. Tue kund, was Dir auf dem Herzen liegt.“
„Mir liegt nichts auf dem Herzen.“
„Oh doch, viel sogar. Meine erste Frage an Dich: Warum bist Du so zynisch? Meine zweite Frage: Warum bist Du so realistisch? Meine dritte Frage: Warum lässt Du keine Gefühle zu? Meine vierte Frage: Warum glaubst Du nicht an Dich?“ Das Mädchen hatte sich wieder hingesetzt, die Tasse genommen und trank nun einen großen Schluck.
„Das ist das Beste bei Euch Menschen“, flüsterte sie.
Ich sah sie mit offenem Mund an. Langsam konnte ich meine Gedanken ordnen. „Bei uns Menschen?“ fragte ich leise.
„Ja, heiße Schokolade und Regen, den mag ich auch sehr gern. Den gibt es bei uns nämlich nicht.“
„Wo bei Euch?“
Sie lächelte. „Weich mir nicht aus. Beantworte meine Fragen.“
„Ich kenne Dich nicht. Wieso sollte ich Deine Fragen beantworten?“
„Weil ich Deine Schwester bin und Schwestern erzählen sich alles.“ Sie sagte dies mit einer Offenheit, die mir wehtat. Eine Schwester hatte ich mir immer gewünscht, am liebsten eine größere Schwester, die mich in den Arm nahm und mir half, wenn ich wieder weinte, wenn ich mich alleine fühlte, wenn ich versuchte, mich vor meinem Pflegevater zu verstecken.
Tränen stiegen in meine Augen. Ich konnte nicht anders. Die Gefühle stürzten auf mich ein, zehrten an meinem Inneren. Die Flut der Gefühle war neu für mich: Zorn, Hilflosigkeit, Trauer, Wut. Alles floss mit den Tränen heraus, fiel auf den Boden, versickerte im Teppich.
Durch die Tränen konnte ich das Mädchen lächeln sehen: „Frage drei wäre damit erledigt. Gefühle zulassen kannst Du jetzt!“
Ich wusste nicht, wann ich das letzte Mal geweint hatte. Ich wusste nicht, ob ich überhaupt je geweint hatte. Doch das Weinen half mir. Ich fühlte mich gut – ausgelaugt, aber gut. Und gut tat mir auch, dass das Mädchen meine Hand hielt und mich bestätigte. Sie sagte mir dauernd, ich solle es herauslassen, mich meinen Gefühlen stellen.
Die Bilder meiner Vergangenheit zogen an meinem inneren Auge vorbei. Und es war so, als könnte das Mädchen die Bilder sehen. Sie nahm mich in den Arm, wenn meine Pflegeeltern mit mir schimpften, sie drückte meine Hand, wenn ich in der Schule wegen meiner Klamotten gehänselt wurde. Sie schlug mit mir zusammen auf den Tisch, wenn mein Pflegevater nachts die Tür meines Schlafzimmers öffnete...
Ich wusste nicht, wie lange ich weinte. Doch als das Mädchen meine Hand los ließ, um noch eine heiße Schokolade zu machen, versiegten die Tränen langsam.
Mit der Hand strich ich über mein Gesicht, fühlte die verquollenen Augen, zog meine Nase hoch und sah das Mädchen an.
„Wer bist Du?“ wiederholte ich meine eingangs gestellte Frage.
„Ich bin Deine Freundin“, sagte sie diesmal und kam mit frisch gefüllten Tassen zurück ins Wohnzimmer.
„Meine Freundin“, sagte ich, diesmal nicht fragend, sondern feststellend.
„Meine erste Frage an Dich: Warum bist Du so zynisch? Meine zweite Frage: Warum bist Du so realistisch? Meine dritte Frage: ist erledigt. Meine vierte Frage: Warum glaubst Du nicht an Dich?“ wiederholte sie ihre Fragen.
„Warum ich so bin, wie ich bin?“ überlegte ich. „Wahrscheinlich, weil ich dazu gemacht wurde.“
„Nein“, sagte sie donnernd und ich war überrascht, dass diese Stimme solche Macht haben konnte.
„Nein, Du bist nicht dazu gemacht worden. Du hast zugelassen, dass Du so geworden bist. Es kann nicht sein, dass Du alles aus Deinem Leben ausgrenzt. Gerade jetzt, in dieser wunderschönen Zeit, wo man nicht nur an sich selbst denken sollte.“
„Ich hab nicht an mich selbst gedacht“, versuchte ich mich zu verteidigen. „Ich habe gestern Frau Schneider geholfen und heute habe ich eine Flasche Wein für das Essen gekauft und überhaupt...“
„Still“, sagte das Mädchen sanft.
Doch ich unterbrach sie heftig: „Sag mir, wer Du bist?“
„Ein Seelenführer, eine Schwester, eine Freundin. Jemand, der Dich wieder auf seinen Weg bringt.“
„Ich brauche niemanden“, sagte ich abweisend und wandte mich dem Fenster zu.
„Doch, Du brauchst genauso Liebe, wie jeder andere auch.“ Sie trat neben mich und plötzlich war sie nicht mehr das kleine, zarte Mädchen, sondern ein Ebenbild von mir. Sie betrachtete mich aus großen grünen Augen, ihr braunes Haar ging bis kurz auf die Schultern. Sie legte mir ihre Hand auf meine Schulter. Oder war es meine Hand?
„Wenn Du nicht Dein Leben änderst und Gefühle zulässt, dann wirst Du das gleiche Leben wie Deine Pflegeeltern führen. Du wirst genauso verkommen und alleine sein, wie sie beide es sind. Du wirst verbittert sein, Du wirst nie erfahren, wie schön das Leben sein kann. Bitte, ich konnte nicht das Leben Deiner Pflegeeltern retten, lass mich Dir helfen.“
Ich erstarrte. Ich war so wie meine Pflegeeltern?
„Mit Bestimmtheit nicht“, rief ich ihr entgegen, schlug ihre Hand weg und trat einen Schritt zurück.
„Ich bin nicht wie meine Eltern“ schrie ich nun. Zorn stieg in mir auf. Zorn, der sich nur schwer wieder runterschlucken ließ.
Das Mädchen trat zurück. Sie war wieder blond, klein, zerbrechlich.
Sofort wurde ich ruhiger. Mein Ebenbild hatte mich wütend gemacht. Wütend auf mich selbst. Auf mein Leben. Auf meinen Starrsinn und darauf, dass ich einfach nichts tat, um glücklicher zu sein.
Warum tat ich das nicht? Ich war in einer anderen Stadt, hatte einen guten Job. Meine Vergangenheit war erledigt. Ich hatte sie erledigt. Ich hatte getan, was getan werden musste. Und warum konnte ich nicht einfach ein neues Leben anfangen?
„Ja, warum kannst Du es nicht?“ sagte das Mädchen, dass wieder neben mir stand und meine Hand hielt.
„Ich weiß es nicht“, sagte ich.
„Dann will ich es Dir sagen. Geh morgen zu dem Essen bei Frau Schneider. Freu Dich darauf. Und Du wirst sehen, dass Dein Leben auch schön sein kann.“

Sonntag abend, 17.50 Uhr. Ich war nervös. Zum dritten Mal hatte ich mich umgezogen.
„Es ist doch nur ein Essen bei einer Familie“, schalt ich mich laut. „Sie werden mich schon nicht aufessen.“ Ich lachte.
17.54 Uhr. Ich nahm meine Wohnungsschlüssel, die Flasche Wein, einen Blumenstrauß und eine Packung mit Schokokeksen. Den Blumenstrauß und die Kekse hatte ich gestern zusammen mit dem Mädchen noch in der Stadt gekauft. Der Wein für den Hausherrn, die Blumen für Frau Schneider und die Kekse für die beiden Mädchen.
Mein gestriger Tag war noch schön gewesen. Das Mädchen und ich waren in der Stadt spazieren gewesen. Ich hatte mich befreit gefühlt, hatte mir gewünscht, jeden Tag so verbringen zu können. Mit einer Schwester, einer Freundin, einer Seelenverwandten.
Am Abend waren wir essen gewesen, bei einem Italiener. Besser gesagt, ich hatte gegessen. Das Mädchen hat nur heiße Schokolade getrunken. Ich hab sie nicht gezwungen, etwas zu essen.
Dann waren wir zu mir nach Hause gegangen und haben eine DVD nach der anderen geschaut. Gegen 5 Uhr morgens bin ich dann eingeschlafen. Als ich um 12 Uhr aufgewacht war, war das Mädchen nicht mehr da gewesen. Nur ein schwacher Duft von Kakao lag in der Luft.
Ich hab mich nicht gefragt, wo denn das Mädchen hin gegangen war. Es war für mich selbstverständlich, dass sie nicht mehr da war.
Und jetzt, um 17.59 Uhr stand ich vor der Tür von Familie Schneider, war immer noch nervös und drückte auf die Klingel neben dem Namensschild.
Ich hörte den Hund leise bellen.
„Ich hoffe doch vor Freude“, sagte ich zu mir. Sprich Deine Gedanken laut aus, hatte das Mädchen gesagt. Ich werde mich daran halten.
Die Tür ging auf und die beiden Mädchen strahlten mich an.
„Sie ist da“, riefen sie und nahmen meine Hand. Sie zogen mich hinter sich her, führten mich in ein gemütliches Wohnzimmer, in welchem ein schön gedeckter Esstisch stand.
„Schön, dass sie da sind“, Frau Schneider trat aus der Küche auf mich zu und umarmte mich. Ich war irritiert. Wir kannten uns doch gar nicht.
„Ich hatte schon Angst, dass sie absagen. Ich hatte ein ungutes Gefühl. Aber sie haben mich eines besseren belehrt.“
„Ich habe ihnen etwas mitgebracht.“ Ich hielt ihr den Strauß mit den Blumen entgegen.
Sie strahlte. „Die sind wunderschön“, sagte sie in so einem ehrlichen Ton, dass meine innere Kälte, die seit gestern immer weniger wurde, wieder ein Stück abnahm. Als ich den Mädchen die Kekse gab, war sie schon fast verschwunden, denn die beiden freuten sich so sehr darüber, als wären Kekse das schönste Geschenk überhaupt. Später erfuhr ist, dass sie gar nicht so viel Süßigkeiten essen durften und deshalb immer froh waren, wenn sie etwas Süßes geschenkt bekamen.
Und dann trat ich in mein erstes Fettnäpfchen. „Ist Herr Schneider auch da?“
Traurigkeit trat in Frau Schneiders Augen.
„Er ist vor drei Jahren von uns gegangen. Sein Herz.“
Ich wurde hochrot.
„Nicht doch. Sie konnten es nicht wissen“, sagte Frau Schneider. „Ich komme zurecht. Vor allem, wenn ich meine Enkelkinder bei mir habe. Sie geben mir Kraft und ich kann ihnen meine ganze Aufmerksamkeit schenken.“
Erst jetzt bemerkte ich die Fältchen in ihrem Gesicht und konnte mir dann zusammenreimen, dass die beiden Mädchen, höchsten 6 und 9 Jahre alt, nicht ihre Kinder waren. Sie ist Großmutter und allein.
Dann trat ein Mann aus der Küche, hochgewachsen, blond, mit blauen Augen und einer Unmenge an Sommersprossen im Gesicht.
„Darf ich vorstellen?“ sagte Frau Schneider. „Mein Sohn.“
Und ganz leise flüsterte sie in mein Ohr: „Er ist geschieden...“
Die Erinnerung an das Mädchen ist jetzt schon fast verblasst. Ich erinnere mich nur noch, dass da jemand war, der mein Leben verändert hat, und immer wenn ich daran denke, kann ich heiße Schokolade riechen. Die ist übrigens zu unserem Familiengetränk geworden.
Hier in dem Häuschen, dass ich zusammen mit meinem Mann und unseren vier Kindern bewohne.
Wir haben übrigens einen Hund – trotz der Hundehaare.
Und ich? Ich habe gelernt, mich selbst zu lieben, die Vergangenheit zu vergessen und mich meiner Zukunft zu stellen.
Und jetzt muss ich leider weg. Wir kaufen nämlich gleich einen Weihnachtsbaum...

- Ende - 

by Sina

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